Ἐπιστροφή
 

Ansprache
des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios
bei der Doxologie in der Stiftskirche St. Georg in Tübingen
(30.05.2017)

Eminenzen, Exzellenzen,
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

“Dank sei Gott für seine unaussprechliche Gabe“
(2. Kor. 9,15) 

Unfassbar ist das Geschenk, das wir durch Jesus Christus empfangen haben, überschwänglich sind die Gaben Gottes, für die wir täglich danken.                                                         

Uns wurde heute eine solche gute Gabe verliehen, dank der freundlichen Entscheidung der Evangelisch-Theologischen Fakultät der berühmten Universität von Tübingen. Dafür und für die herzliche Freude der Begegnung mit Ihnen allen, liebe Brüder und Schwestern, danken wir Gott.

In dieser altehrwürdigen Stiftskirche St. Georg fühlen wir uns zuhause, weil sie, wie auch unsere Kirche im Phanar, in der Polis Konstantin des Großen, dem Sitz unseres Ökumenischen Patriarchats, dem Heiligen Georg, dem Großmärtyrer und Tropäophoren gewidmet ist. Dort bitten wir täglich den Herrn, unter anderem
um den Frieden der ganzen Welt,
die rechte Standhaftigkeit der heiligen Kirchen Gottes
und die Einigung aller.

Wir haben mit Freude erfahren, dass diese historische Stiftskirche in direktem Zusammenhang mit der Universitätsgründung erbaut wurde. In einer Zeit also, in der die Kirche in Ost und West, Nord und Süd, Universitäten gründete und die Wissenschaften förderte. Wir freuen uns ferner zu hören, dass diese Kirche sich bis heute als Bauwerk, aber auch durch die von ihr ausgehende geistliche Ausstrahlung auszeichnet.

Wir grüßen deshalb herzlich alle Geistlichen, die hier ihr pastorales Amt führen. Der Heilige Georg lehrt mit seiner unerschütterlichen Hingabe an Christus und mit seinen Heldentaten, dass „der Glaube Mut machen kann, sich gegen große Gefahren zur Wehr zu setzen“.

In den Hymnen, die wir in dem Gottesdienst zum Namensfest des Heiligen Georg singen, wird er unter anderem als Befreier der Gefangenen und als Verteidiger der Armen gepriesen. Zwei Dienste der Liebe, die auch heute dringend nötig sind; denn überall in der Welt leiden unzählige Menschen große Not. Das sehen wir, das fühlen wir alle.

Die tätige Hilfe an den Bedürftigen, die Kultur der Philanthropie, war in der Geschichte des Christentums Grundzug des kirchlichen Handelns. Neben der Mikrodiakonie, allen situativen und punktuellen caritativen Maßnahmen der Kirche, die der konkreten Not von Einzelnen oder Gruppen unmittelbar abhelfen, übte die Kirche auch die Makrodiakonie, durch ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Befreiung, durch die Arbeit für den Aufbau einer solidarischen Gesellschaft. Das soziale Zeugnis der Kirche verblüfft bis heute selbst die Kritiker und Gegner des Christentums.

Angesichts der großen heutigen Herausforderungen, sind unsere Kirchen berufen, gemeinsames Zeugnis zu geben in der Diakonie und in der Liebe, gegen die soziale Dimension der Sünde und ihre verheerenden Folgen. Es ist eine unentschuldbare Unterlassung, nicht gemeinsam das zu tun, was wir nur zusammen erreichen können.

Parallel zu unserer theologischen Ökumene ist eine Ökumene der Solidarität nötig. Sie wird auch verschiedentlich von unseren Kirchen praktiziert. Es ist nicht von ungefähr, dass das Heilige und Große Konzil der Orthodoxen Kirche diese Dimension des gesamtchristlichen Zeugnisses eigens hervorgehoben hat. „Die Orthodoxe Kirche hält für alle Christen den Versuch für wichtig, inspiriert durch gemeinsame grundlegende Prinzipien des Evangeliums, mit Engagement und Solidarität eine Antwort auf die dornigen Probleme der zeitgenössischen Welt zu suchen, eine Antwort, die auf dem Urbild des neuen Menschen in Christus beruht“, heißt es im Text des Konzils Beziehungen der Orthodoxen Kirche zu der übrigen christlichen Welt (§ 23).

In diesem Geiste, hat das Konzil auch „das Prinzip der ‚Autonomie der Ökonomie‘, bzw. des ‚Ökonomismus‘. d. h. der Loslösung der Wirtschaft von den wesentlichen Bedürfnissen des Menschen und deren Umformung zu einem Selbstzweck“, mit Nachdruck kritisiert (Enzyklika, § 15). Gemäß den Worten unseres Herrn „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Lk 4, 4), sind die wirtschaftliche Entwicklung und die Erhöhung des Lebensstandards kein echter Fortschritt, wenn sie „auf Kosten der geistlichen Werte“ geschehen.

Wir meinen, dass die derzeitige Krise der europäischen Idee, jener Vision einer freiheitlichen, friedlichen, demokratischen, fortschrittlichen und solidarischen Gemeinschaft der europäischen Völker, mit der einseitigen wirtschaftlichen Ausrichtung der Europäischen Union, mit der Funktionalisierung der Politik primär im Dienste ökonomischer Prinzipien und Zielsetzungen zusammenhängt. Damit jedoch kann die Europäische Union weder echte Union noch echt europäisch sein!

Die christlichen Grundwerte sind ein integraler Bestandteil der europäischen Identität. Die europäische Kultur, die Bildung und die Kunst, die Wissenschaft, die soziale Organisation, der demokratische Rechtsstaat und die Tradition der Menschenrechte sind mit dem Christentum verbunden, auch wenn Vieles gegen den Widerstand der Kirchen errungen und durchgesetzt werden musste. Leider hat erst die massive Präsenz der Gläubigen anderer Religionen im Westen die Europäer daran erinnert, dass der von den „Fundamentalisten der Moderne“ eingeschlagene Weg der totalen Säkularisierung endgültig nicht gangbar ist. Europas Zukunft kann nicht ein säkularistisches Post-Europa sein!

Heute sind unsere Kirchen aufgerufen, gegen die Tendenzen der Entsolidarisierung der Gesellschaft zu kämpfen, sich allen antipersonalistischen Mächten zu widersetzen. Die maxima culpa unserer säkularen Kultur ist die Einkerkerung des Menschen in sich selbst, „das Individuum ohne Fenster zum Mitmenschen“. Die Magna Charta des christlichen Zeugnisses in der Welt  ist dagegen die Kultur der Solidarität und der Geschwisterlichkeit, unabhängig von jeder politischen, sozialen und ökonomischen Perspektive. Sie wissen es, dass in der Tradition der Kirchenväter die Hölle dargestellt wird als der Ort, wo die Menschen das Gesicht des Anderen nicht sehen können, weil ihre Rücken aneinander gekettet sind!

Die christliche Liebe, die „nicht das Ihre sucht“, „alles verträgt und duldet“ (1. Kor. 13, 5 und 7), sowie die tätige Güte, die nicht „vor den Leuten“ geübt werden soll, „auf dass wir von ihnen gesehen werden“ (Mt. 6, 1), sind das Gegenteil allen kalkulierenden Handelns. Hier treffen sich orthodoxe Theologie und die Theologie Martin Luthers. Die Liebe ist für den Reformator „quellende Liebe“, die „inwendig aus dem Herzen“ fließt „wie ein frisches Bächlein oder Wässerlein, das immer fort fließt und lässt sich nicht aufhalten noch trocknen und versiegen“ (WA 36, 360).

Die höchste Freiheit des Christen ist für die orthodoxe Theologie und Spiritualität der freiwillige Verzicht auf die eigenen individuellen Rechte im Namen der Liebe und um des Nächsten willen. „Als einige Mönche in der Wüste ein kleines Nonnenkloster aufsuchten, bot Ihnen Sarrah, die Äbtissin, ein Körbchen mit Früchten an, von denen ein Teil überreif war. Die Mönche aßen dann die fast faulen Früchte und ließen die guten liegen, für andere Gäste. ‚Ihr seid, wahrlich echte christliche Asketen‘, sagte darauf die fromme Sarrah“, heißt es im Neon Miterikon.

Wir meinen, dass die folgenden eindrücklichen Worte Luthers sehr gut als Kommentar zu dieser herrlichen Erzählung dienen können: „Solches geht nicht ins Menschen Herz. Denn solche Liebe ist nicht eine natürliche Kunst noch in unserm Garten gewachsen“ (WA 36, 436). In dieser Liebe ist der Christ „nicht mehr ein lauter Mensch, sondern ein Gott… Denn Gott ist selbst in ihm und tut solch Ding, das kein Mensch noch Kreatur tun kann“ (WA 36, 438).

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

Als Erinnerung an diese Doxologie, überreichen wir den Geistlichen der Stiftskirche  eine Ikone des Heiligen Georg. Für uns Orthodoxe Christen, repräsentieren die Ikonen die lex credendi, die lex orandi und die lex vivendi in ihrer unlösbaren Einheit.

Wir bedanken uns herzlichst für dieses geistliche Fest in der Stiftskirche und wünschen Ihnen allen ein gesegnetes Pfingsten, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!