[English] Printer-friendly version
The Ecumenical Patriarch
The Ecumenical Patriarchate
Bishops of the Throne
List of Patriarchs
Other Orhodox Churches
Theological and various articles
Ecological activities
Youth ministry
Interchristian relations
Conferences
Photo gallery
Holy Monasteries and Churches
Creed
Church calendar
Icons
Byzantine music
Contact details

Ἀρχική σελίς
Ἀρχική σελίς

Rede des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde seitens der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen
30. Mai 2017

Ἐπιστροφή
Ἐπιστροφή

Treue und Offenheit

I.
Spektabilität,
Verehrte Professorinnen und Professoren,
Liebe Studentinnen und Studenten,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Zum ersten Mal in der Geschichte, steht ein Nachfolger des Patriarchen von Konstantinopel Jeremias des Zweiten in Tübingen vor den Nachfolgern jener ehrwürdigen Württembergischen Lutherischen Gelehrten, die, 27 Jahre nach dem Tode Luthers, dem Patriarchen eine griechische Version der Confessio Augustana zugesandt haben, um ihm die Hauptlehren der Reformation mitzuteilen oder um gar in guter Absicht dadurch die ausgebliebene Reformation im Osten in Gang zu bringen, ganz eindeutig jedoch, um die Meinung der im Osmanischen Reich dennoch lebendigen griechisch-orthodoxen Kirche über den reformatorischen Glauben zu erfahren.

Sie kennen den Gang der Dinge und den Ausgang des eindrucksvollen Versuchs. Es waren, neben der gegenseitigen Unkenntnis, echte nicht zu schlichtende theologische Differenzen, die zum Abbruch des Dialogs geführt haben. Aus der Perspektive ihrer theologischen Tradition erschien dem Patriarchen und seinen Beratern die Argumentation der Lutheraner als fremd, während die Tübinger die Antworten der Orthodoxen sicherlich vor dem Hintergrund der lutherisch-römischen Auseinandersetzungen auswerteten. Es scheint jedenfalls, dass es den Orthodoxen schnell klar wurde, dass die Reformation keine Rückkehr zu der Lehre der alten Kirche war, eine Einschätzung, welche Schule machte und die Beziehungen zwischen Orthodoxen und Protestanten im Folgenden bestimmte.

Ganz offensichtlich hatte die Orthodoxe Kirche gegenüber den Entwicklungen im Westen nie die Rolle des bloßen Beobachters. Denn, was als Krise der westlichen Christenheit begann, berührte schnell Gebiete mit dichter orthodoxer Bevölkerung. Die schwierigste Zeit in den Beziehungen von orthodoxem und westlichem Christentum war das siebzehnte Jahrhundert. Wir erwähnen bloß den Namen des Patriarchen von Alexandrien und dann von Konstantinopel Kyrillos Loukaris, ohne auf Näheres einzugehen. Es sei nur daran erinnert, dass die Zerwürfnisse anlässlich des kalvinistisch beeinflussten „Östlichen Bekenntnisses des christlichen Glaubens“ von Kyrillos (1629) den sogenannten „Loukaris-Komplex“ verursacht haben, der die orthodox-protestantischen Beziehungen bis heute belastet.

II.

Es hat einen hohen symbolischen Wert, dass genau 400 Jahre nach dem Abbruch der Korrespondenz zwischen Tübingen und Konstantinopel (1581), eben im Jahr 1981, der offizielle theologische Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche als Ganzes und dem Lutherischen Weltbund angelaufen ist.

Dieser Dialog, der sich, trotz der offensichtlichen Unterschiede, als eine Weiterführung der ersten Begegnungen des sechzehnten Jahrhunderts verstand, wurde als ein außerordentlich wichtiges Ereignis im Leben der Orthodoxen Kirche und des Luthertums betrachtet. Als Ziel des Dialogs wurde „die volle Gemeinschaft“ festgesetzt. Im ersten Bericht der Orthodox-Lutherischen Gemischten Kommission vom Treffen in Espoo/Finnland (27. August - 4. September 1981) heißt es: „Wir betrachten es als ein Ereignis von großer Tragweite im Leben unserer Kirchen, dass zum ersten Mal in der Geschichte offizielle panorthodoxe und panlutherische Delegationen sich zum Dialog trafen, mit dem Endziel der vollen Gemeinschaft… Wir loben Gott, dass er uns zusammengeführt hat zu unserem ersten Treffen, das die Hoffnungen von vielen bedeutenden Lehrern in unseren Kirchen seit dem 16. Jahrhundert erfüllt. Dies überschreitet jede menschliche Erwartung, wenn jemand die Erfahrungen früherer Jahrhunderte in Betracht zieht“.

Wie in der Ökumene im allgemeinem, so ging es auch in diesem Dialog nicht um alles oder nichts. Es wurden bedeutende gemeinsame theologische Texte produziert. Wir haben uns näher kennen und schätzen gelernt.

1. Für die Orthodoxen ist es äußerst wichtig, dass das reformatorische Christentum seine Verwurzelung in der altchristlichen Tradition betont und sich als Kontinuum des Urchristentums versteht. „Auch die Kirchen der Reformation haben ihren Ursprung in der Jesusbewegung… Ihr entscheidender Impuls bestand in der erneuten Zuwendung zu den biblischen Schriften, nicht zu den Schriften Martin Luthers oder der anderen Reformatoren“, so der frühere Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber.  Auch die Treue der Orthodoxen zur kirchlichen Tradition und zu den Kirchenvätern ist Treue zu Christus und zu seinem Evangelium.

2. Wir freuen uns darüber, dass die Theosis-Lehre, seit dem Dialog der Lutherischen Kirche Finnlands mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, für die lutherische Theologie kein Tabu mehr ist. Georges Florovsky nannte den Begriff Theosis einen „wunderbaren Terminus“ der alten Kirchenväter, der „nichts weiter bedeutet als eine innere Gemeinschaft der menschlichen Personen mit dem lebendigen Gott“.  Gregorios Palamas sprach von der Kirche als einer „Gemeinschaft der Theosis“, κοινωνία θεώσεως.  Es wurde behauptet, dass solche „patristische Parolen“ keinen Sinn mehr machen für heutige Christen. Martin Luther selbst hatte jedoch „gelegentlich das altkirchliche Motiv der Vergöttlichung zustimmend aufgegriffen und in die Rechtfertigungslehre integriert“.  Zurückschauen verwandelt nicht immer in eine Salzsäule. Wie John Meyendorff hervorhob, konvergieren die Grundintuitionen der Reformatoren stark mit den „wichtigsten Elementen der patristischen Synthese“.  Meyendorff erinnerte auch daran, dass die Reformatoren nicht die „katholische Tradition der Kirche“, sondern nur ihre „einseitige und entstellte Form“ verworfen haben.

3. Wir registrieren es mit Genugtuung, dass durch die Eucharistische Ekklesiologie neue Möglichkeiten für unsere Gespräche über Kirche und Kirchlichkeit eröffnet worden sind. Der Metropolit von Pergamon Ioannis Zizioulas betont zu Recht, dass die Eucharistische Ekklesiologie „auf die Bibel und die frühen Kirchenväter zurückgeht“ und, dass sie „das liturgische und kanonische Leben der Orthodoxen Kirche in entscheidender Weise beeinflusst hat“.  Für die orthodoxe Theologie, ist die Eucharistie „die DNA der Kirche“,  ihre Identität und ihr Unterscheidungsmerkmal. Nikos Nissiotis schrieb, kurz nach dem Vatikanum II., also in einer Phase üppiger ökumenischer Hoffnungen, dass für die Orthodoxen „die Einheit der Kirche gleichbedeutend ist mit der Abendmahlgemeinschaft, dass sie von ihr abhängt, mit ihr zusammenfällt, sich durch sie manifestiert, sich aus ihr nährt und sich in ihr und durch sie vollendet“.  Es ist bemerkenswert, dass sich im evangelischen Raum immer stärker „eine Hinwendung zum Gemeinschaftscharakter“ der Abendmahlsfeier vollzieht und dass die Abendmahlslehre „zum Feld theologischer und kirchlicher Annäherungen“ geworden ist. 

4. Es ist auch ein Ertrag der Ökumenischen Bewegung, dass in der Orthodoxen Theologie ein wachsendes Interesse für Martin Luther in Erscheinung tritt, obwohl noch nicht von einer echten Wende im orthodoxen Lutherverständnis gesprochen werden darf. Vor allem Luthers Freiheitsbegriff findet zunehmend Beachtung seitens der Orthodoxen, was wir selber sehr begrüßen. Denn kein anderer Grundbegriff in Luthers Theologie führt ins Zentrum seines Anliegens, wie die Freiheit, „der höchste Schatz, den wir haben mögen“.  Sein „Reformprogramm“ war ein „Freiheitsprogramm“, wie Volker Leppin notiert.  Seine Sorge um das wahre Verständnis der christlichen Freiheit war auch der Grund seines Widerstandes gegen Erasmus. In jeder Beanspruchung von Freiheit coram Deo drückt sich die Ursünde des Menschen aus, sich an die Stelle Gottes setzen zu wollen. Das neue Sein, das uns Christus schenkt, konstituiert sich im Glauben als befreite Freiheit, die sich in der Dienstbarkeit der Liebe coram hominibus verwirklicht. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal. 5, 1). Er ist der grosse Befreier. „Ubi autem Dominus, ibi libertas“.  Die Betonung der Freiheit ist das Merkmal, welches das Christentum von allen Religionen unterscheidet. Deswegen ist jede anspruchsvolle christliche Theologie Freiheitstheologie.

Zwischen der christlichen Freiheit und der heute in unserem Kulturkreis weitgehend herrschenden modernen Idee der selbstzentrierten autosoterischen Freiheit klafft ein tiefer Graben. Während für das Christentum die Freiheit ein Geschenk von Gottes Philanthropie ist, gründet die moderne Freiheit in der Idee des autonomen Menschen und hat die Struktur der Selbstverfügung und der Selbstverwirklichung, welche sich auch als Selbstisolierung des Menschen, als homo clausus, ausdrücken kann. Da liegt eine Grunddifferenz dieser Freiheit von der libertas christiana, zu welcher die Werke der Liebe als „Beweisung des Glaubens“ gehören. Eberhard Jüngel spricht von „der sozietären Struktur der vita christiana“.  In der Orthodoxen Theologie wird dieser gemeinschaftliche Charakter durch die Betonung der ekklesialen Dimension der Freiheit hervorgehoben. Die Freiheit in Christus ist „κοινὴ ἐλευθερία“,  gemeinsame Freiheit, deren „Sitz im Leben“ die Kirche ist. In den eindrücklichen Worten von Alexander Schmemann: „Die Kirche selbst ist Freiheit und nur die Kirche ist Freiheit“.

5. Es wurde behauptet, dass hinter den Entwicklungen, die zur modernen Idee der Freiheit geführt haben, das reformatorische Freiheitsverständnis steht. Zweifelsohne, liegen die Keime der neuzeitlichen Kultur auch in der Reformation. Es ist jedoch nicht möglich die Moderne aus einem Ursprung herzuleiten und sie aus einem Prinzip zu erklären. Die Reformation hat eindeutig die Stellung des Individuums gestärkt. Ohne den Beitrag von Luthers Tat und Lehre wäre die Freiheit des Individuums nicht die Magna Charta Europas geworden. Luthers Freiheitstheologie ist demnach ein Wendepunkt in der Geschichte des „Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit“, um noch einmal mit dem Worten eines großen Tübingers zu sprechen. In diesem Sinne ist Martin Luther ganz gegenwärtig. Sein Freiheitsbegriff ist von zentraler Bedeutung für den Dialog des Christentums mit der modernen Welt. Für diesen Dialog ist es am wenigsten  förderlich, wenn viele Ausweglosigkeiten unserer Zeit, auch seitens von Orthodoxen, direkt mit der reformatorischen Tradition der Freiheit in Verbindung gebracht werden, während sie im Wesentlichen ihre Entstellung, ja ihre Negation darstellen.

6. All dies ist für die Orthodoxen Christen sehr  wichtig, weil bei uns das verspätete Gespräch mit der Moderne voll im Gange ist. In der Enzyklika des Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche (Kreta, 2016) wird notiert: „In gegenwärtigen säkularisierten Gesellschaften setzt der von Gott abgeschnittene Mensch seine Freiheit und seinen Lebenssinn mit absoluter Autonomie und mit der Preisgabe seiner ewigen Bestimmung gleich: daraus geht eine Reihe von Missverständnissen und bewussten Fehlinterpretationen der christlichen Tradition hervor“ (§10). Die moderne Entsakralisierung führt unausweichlich zu einer „Banalisierung des Menschenbildes“.
Die Heraufkunft der sogenannten post-säkularen Gesellschaft und die „Rückkehr Gottes“ haben auch ein ambivalentes Gesicht. Denn die entscheidende Frage für den Menschen ist nicht „Religion oder keine Religion“, sondern „Welche Religion?“. Richtigerweise hat das Konzil von Kreta den Fundamentalismus als „Ausdruck einer krankhaften Religiosität“ charakterisiert (Enzyklika, §17). Es gibt keine echte Alternative zur „Religion der Freiheit“!

III.

Das Ökumenische Patriarchat hat mit Interesse und großer Aufmerksamkeit die Debatten und die Publikationen während der Lutherdekade (2008-2017) verfolgt und hat die interessanten Versuche registriert, sich der Person und dem Werk des Protagonisten der Reformation aus der heutigen Perspektive anzunähern. Es wird den theologischen Ertrag des Reformationsjubiläums, besonders für den Ökumenischen Dialog, auswerten.

Wir meinen, dass das Reformationsjubiläum ein guter Anlass ist, dass der Protestantismus einen neuen Zugang findet zur Orthodoxen Theologie, sowohl zu den Kirchenvätern, wie auch zu den großen Gestalten zeitgenössischer orthodoxer Theologie, wie Vladimir Lossky, Georges Florovsky und der Metropolit von Pergamon Ioannis Zizioulas, die gewiss nicht nur der Orthodoxie gehören, sondern theologische Klassiker der ganzen Christenheit sind. Übrigens, die Orthodoxie ist kein einheitlicher Block. Sie ist auch nicht gleichbedeutend mit Ethnozentrismus, Orthodoxismus, Liturgismus, Eschatologismus, mit weltabgewandter, ja weltflüchtiger Spiritualität.

Die Orthodoxen Kirchen sind keine -willkommenen oder unangenehmen- Gäste in der Ökumenischen Bewegung, sondern Mitgründer und Mitgestalter des ökumenischen Prozesses und seiner Institutionen und haben einen gewichtigen Beitrag zur Ökumene geleistet.
Auch das erwähnte Konzil der Orthodoxen Kirche, dessen lange Vorbereitung parallel lief zum Gang unserer ökumenischen Kontakte mit der westlichen Christenheit, hat den Willen der Orthodoxen Kirche bekräftigt, den ökumenischen Dialog fortzusetzen und seiner ursprünglichen Zielsetzung treu zu bleiben. Im Beschluss über die Beziehungen der orthodoxen Kirche zu der übrigen christlichen Welt heißt es: „Selbstverständlich ist in den theologischen Dialogen das gemeinsame Ziel aller, die endgültige Wiederherstellung der Einheit im wahren Glauben und in der wahren Liebe“ (§12).

Wir persönlich haben uns unser ganzes Leben lang für den Dialog eingesetzt und für die Stärkung des ökumenischen Geistes gearbeitet. Offenheit und Dialog führen nicht zum Synkretismus und zur „Pseudomorphose“, sondern zur schöpferischen beiderseitigen Transformation, zur „Metamorphose“, zur Bereicherung und Vertiefung der Identität der Partner. In der Begegnung mit den anderen, lernen wir auch uns selbst tiefer kennen. „Einen wirklichen Dialog können nur Menschen führen, die je ihren Standpunkt haben, die aber bereit sind, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen“, so Walter Kardinal Kasper, auch ein Tübinger.  Was unsere Identität gefährdet ist nicht die Offenheit, sondern die unfruchtbare Introversion und die Verschlossenheit.
Stagnation oder gar Ablehnung des Dialogs sind also auch Folge einer falschen Einschätzung der eigenen Identität und der Bedeutung des Austausches mit den anderen für ihre Formung und ihren Bestand. Sie führen schnell zur Idealisierung der eigenen Besonderheit und zu allerlei Verzerrungen.

Spectabilis,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist eine besondere Ehre, den Titel des Ehrendoktors der evangelisch-theologischen Fakultät der altehrwürdigen Universität Tübingen, zum 500. Jahrestag des Anbruchs der Reformation und 540 Jahre nach der Gründung der Tübinger alma mater, zu erhalten. Wir sind der Universität und der Fakultät zutiefst dankbar.

Wir betrachten diese hohe Ehrung unserer Person als eine Anerkennung des Beitrags des Ökumenischen Patriarchats zum interkirchlichen und interreligiösen Dialog, zur Kultur des Friedens, der Versöhnung und der Solidarität und auch zur Stärkung des ökologischen Bewusstseins auf der Basis christlicher Prinzipien und vor allem der Wahrnehmung der kosmologischen Dimension der Sünde, der Theologie der Eucharistie und der orthodoxen Spiritualität. Im „eucharistischen Gebrauch der Welt“ und in der asketischen Haltung sähen wir den Schlüssel zur Überwindung der Instrumentalisierung und der Ausbeutung der Schöpfung.
Wir haben immer das Licht „auf den Leuchter“ gesetzt (Math. 5, 15). Die Treue zur orthodoxen Tradition hat uns nie daran gehindert, uns für Mensch und Welt einzusetzen. Der christliche Glaube war für uns auch ein Ansporn zur Friedensarbeit zwischen den Religionen und den Kulturen.

Trotz der Hemmnisse, bleiben wir zuversichtlich. Christliches Zeugnis zu geben bedeutet für uns heute teilzunehmen am Diskurs über die großen Themen und Probleme der Zeit. Wir sind überzeugt, dass der Dialog der christlichen Kirchen und Konfessionen, auch die Begegnung mit den anderen Religionen erleichtert und allgemeiner den Geist des Dialogs stärkt. Wir wollen es nicht zulassen, dass unser interchristlicher Dialog provinziell wirkt angesichts der zunehmenden heutigen Herausforderungen.

Als Katholiken, Orthodoxe und Protestanten führen wir unsere Gespräche weiter mit theologischem Ernst und theologischer Phantasie, mit Wahrheitssinn und Offenheit, im Geiste der φιλία und der Solidarität, mit dem unverrückbaren Ziel der Einheit und des gemeinsamen christlichen Zeugnisses in der Welt.

Unsere theologischen Fakultäten müssen Orte ökumenischen Lernens und Begegnung werden. Kommilitoninnen und Kommilitonen, wir brauchen junge Theologinnen und Theologen, wahre Dekathleten des Geistes und des Engagements, mit ökumenischer Orientierung und echtem Interesse für Begegnung und Dialog. Das unschätzbar Positive, das in der zeitgenössischen Ökumenischen Bewegung erreicht wurde, muss unbedingt von der neuen Theologengeneration weitergetragen werden.

Wir alle müssen uns für die Rezeption des Ertrags unserer Dialoge einsetzen, dafür arbeiten, dass das Kirchenvolk über die Ergebnisse der Ökumenischen Bewegung informiert wird, dass es sich der existentiellen, kulturellen und sozialen Tragweite der interchristlichen Ökumene, sowie ihres Beitrags zur Versöhnung und zum Frieden, zur Verständigung und Kooperation, bewusst wird.
Was die Beziehungen von orthodoxen und evangelischen Christen angeht, fahren wir fort mit unseren Kontakten und Gesprächen, mit Bedacht auch über die aufgekommenen heiklen anthropologischen und ethischen Probleme. Der Dialog der Orthodoxen Kirche mit dem Lutherischen Weltbund, die bilateralen theologischen Dialoge zwischen den autokephalen orthodoxen Kirchen und lokalen evangelischen Kirchen, die lange Zusammenarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen und in der Konferenz Europäischen Kirchen, der tägliche „Dialog des Lebens“ der Christen in vielen Teilen der Welt, sind Zeichen der Hoffnung.

Die beste Art, des Reformationsjubiläums zu gedenken, ist auf dem Weg der ökumenischen Verständigung fortzuschreiten und effektives Zeugnis der befreiten christlichen Freiheit zu geben, welche Freiheit, wie Ernst Käsemann hier in Tübingen schrieb, „von uns irdisch bewährt werden will, ehe sie himmlisch vollendet wird“.

Wir wagen es weiter zu machen, attemptamus, um mit dem Motto des Gründers der Eberhard-Karls-Universität Tübingen zu reden. Unsere Kraft und unsere Hoffnung schöpfen wir nicht aus unseren Werken, sondern aus dem Glauben an den menschgewordenen Gott, der ein „Gott mit uns“ ist und versprochen hat, bei uns zu sein „alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28, 20).

Herzlichen Dank für ihre Geduld!