Ἐπιστροφή
 

Ansprache
des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios beim Abendessen
(Stuttgart, 29.05.2017)

Sehr geehrter Herr Landesbischof Frank Otfried July,
Sehr geehrter Herr Bischof von Rottenburg/Stuttgart Gebhard Fürst, 
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

Wieder und wieder haben wir uns für die geschwisterliche Gastfreundschaft zu bedanken; diesmal besonders bei Ihnen, lieber Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg Herr  Frank Otfried July und bei Ihren werten Mitarbeitern. 

Ohne Zweifel, Ihre freundlichen Worte, sowie der Reichtum und der Geschmack dieser württembergischen Mahlzeit werden dankbar und lange in unserer Erinnerung bleiben. Unser Dank gilt ebenfalls Ihnen allen, sehr geehrte Damen und Herren, für die Freude, Brot und Wein und alle anderen uns gebotenen Gaben gemeinsam in dieser abendlichen Geselligkeit zu teilen.
Wir kommen aus der kulturellen Tradition des Symposiums, des συμφιλοσοφεῖν, des Mitphilosophierens, der gemeinsamen Reflexion, aus der Kultur des Dialogs.  Mit Ihnen, lieber Herr Bischof der Diözese Rottenburg – Stuttgart Gebhard Fürst, teilen wir, unter anderem, die Erfahrung der monastischen Spiritualität des Schweigens während der gemeinsamen Mahlzeit. Die Evangelischen unter uns kennen die Tischreden, die Tischgespräche «aus dem Übergang der Zeiten», der großen Spannungen und der kritischen Entscheidungen.

Dank der reichlich bescherten Gnade Gottes, haben Christen verschiedener Traditionen seit Beginn des vorigen Jahrhunderts angefangen, zögernd zwar zu Beginn, mit wachsendem Vertrauen später, wieder mit einander zu sprechen. Wir sitzen am Tisch des Dialogs. ökumenische Versammlungen, bilaterale theologische Dialoge, Tagungen und Konferenzen, ökumenische Feiern und Feste, Treffen und Zwiegespräche der Kirchenoberhäupter, gemeinsame Erklärungen und Vieles noch, bestimmen die ökumenische Landschaft. Das gegenseitige Vertrauen ist stärker geworden, Vorurteile wurden überwunden, gemeinsames Erbe wurde entdeckt, wir kennen uns gut. Am runden Tisch des Dialogs gibt es keine Verlierer. Unfruchtbar ist, ganz gewiss, die Ablehnung des Dialogs, die Introversion und die Autarkie. Wir gedenken, mit Dankbarkeit, der mutigen Pioniere der Ökumene.

Liebe Freunde,

Wir haben die Bewegung zu einander gewagt. Noch heute sind wir unterwegs, jedoch ohne die Erfahrung von Emmaus (Luk. 24, 13 ff). Jeder von uns sagt zwar zu Jesus Christus: Bleibe bei mir. Wir wagen aber noch nicht, entschieden und konsequent zu sagen:

Herr, bleibe bei u n s! 

Jene Zwei in Emmaus erkannten Ihn, als er bei Tisch das Brot brach. Da gingen ihnen die Augen  auf!

Das ist auch unsere innige Hoffnung. Das ist das Siegel unseres christlichen Zeugnisses in der Welt. Sie braucht dringend die christliche martyria, auch den diakonischen Dienst der Kirche Christi, während der Tag sich schon neigt und es für die ganze Menschheit  droht, Abend zu werden. Unsere Kirchen müssen selbst heilsame Herausforderung für den zeitgenössischen Menschen sein, eine Alternative und ein Hort erfüllten Lebens.

Wir verabschieden uns von Stuttgart, verehrte Tischgenossen, nach einem segensreichen Tag, mit einem Dank aus ganzem Herzen und mit der Überzeugung: der Tisch des Herrn ist bereit und wartet. Auf was? Auf die für das ganze Christentum hohe Stunde. Sie möge bald kommen! Γένοιτο!