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Ἀρχική σελίς
Ἀρχική σελίς

Ansprache
des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios
bei der Vesper in der Stiftskirche in Stuttgart
(29.05.2017)

Ἐπιστροφή
Ἐπιστροφή

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland,
Sehr geehrter Herr Landesbischof von Württemberg Frank Otfrıed July,
Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

Wir befinden uns noch in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. In einer Periode großer Feste also, bei denen uns Christen in diesem Jahr der Segen zuteilwurde, sie gleichzeitig zu feiern.
Gestern hat die Orthodoxe Kirche den Sonntag der Väter von Nizäa gefeiert, also der 318 „theophoren“ Konzilsväter, welche die Gottheit Jesu Christi, den ὁμοούσιος-Charakter des ewigen Gottessohnes dogmatisiert haben. Da liegt das tiefe Geheimnis unseres Glaubens und unserer Erlösung. Durch seine Menschwerdung, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung hat uns der ewige Logos mit Gott versöhnt und durch die Sendung des Heiligen Geistes uns die gnadenhafte Gemeinschaft mit Gott in seiner Kirche geschenkt.

Das Pfingstfest ist nahe. Wir grüßen Sie in dankbarer Freude für unsere Begegnung, die uns erlaubt, über die magnalia Dei, die großen Taten Gottes, miteinander im Namen unseres Herrn Jesus Christus zu sprechen, fest im Glauben, dass «jeder, der den Namen des Herrn anruft, gerettet wird» (Apg. 2, 21).

Vor mehr als vier Jahrhunderten haben bekanntlich Pioniere der Reformation die Begegnung mit der Orthodoxen Kirche gesucht. Jene historische theologische Korrespondenz mit unserem damaligen Vorgänger, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel  Jeremias den Zweiten, wurde mit seinem Schreiben vom 6. Juni 1581 abgebrochen. Sicher nicht ohne Schmerzen unterzeichnete der Patriarch jenen Brief, den er mit folgenden Worten an die Tübinger Professoren schloss:  «Geht nun Euren Weg! Schreibt uns nicht mehr über Dogmen, sondern allein um der Freundschaft willen, wenn Ihr das wollt. Lebt wohl!».

Um dieser Freundschaft willen sind wir zu Ihnen gekommen. Sie haben uns mit Ehren empfangen und mit Worten der Liebe begrüßt!

Wir und unsere Begleiter danken Ihnen und Ihren Mitarbeitern, lieber Herr Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, für die freundliche Einladung.

Im Juni letzten Jahres haben Sie uns die Freude gemacht, Ihre Kirche bei dem Heiligen und Großen Konzil der Orthodoxen Kirche in Kreta als Beobachter zu vertreten und uns später im Sitz unseres Ökumenischen Patriarchates in Konstantinopel zu besuchen. Wir erwidern die Ehre und wünschen Gottes reichen Segen für das Jubiläum der Reformation.

Unsere heutige Begegnung mit seiner Exzellenz,  Herrn Winfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten des Bundeslandes Baden-Württemberg, war eine zusätzliche Freude für uns. Wir wiederholen öffentlich hier unseren herzlichen Dank!

Unser Dank gilt ebenso Ihnen, lieber Herr Landesbischof Frank Otfried July, sowie Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, die uns mit Ihrer Anwesenheit die Freude der Gemeinschaft schenken.

Da wir heute in der Württembergischen Evangelischen Landeskirche zusammen sind, möchten wir zwei von mehreren Gründen erwähnen, die unsere Kirche dankbar mit Ihrer Landeskirche verbinden:

Erstens, die unschätzbare gelebte Gastfreundschaft, Hilfe und ökumenische Solidarität, welche den Orthodoxen gewährt wird, die als Arbeitende, Studenten oder in anderen Eigenschaften in  dieses Land gekommen sind. Das gleiche gilt für unsere Gemeinden hierzulande, während langer Jahrzehnte und bis heute, wofür wir aufs innigste dankbar sind.

Dies gilt natürlich für ganz Deutschland. Zeuge dieser Solidarität ist unser Bruder in Christus Augoustinos, der Metropolit der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland, Exarch des Ökumenischen Patriarchats in Zentraleuropa und Präsident der Orthodoxen Bischofkonferenz in Deutschland ist, besser als jeder andere die wunderbare Geschichte der Menschlichkeit kennt und zu erzählen weiß.

Die Präsenz der orthodoxen Diaspora in Westeuropa war ein entscheidender Motor ökumenischen Handelns. Mit den Worten vom Bischof Augoustinos: „Unsere Anwesenheit in Deutschland hat uns in einen Dialog der Wahrheit und der Liebe mit den anderen Kirchen Deutschlands gestellt, den wir allein schon durch unser tägliches Miteinander… führen“. Das reibungslose Zusammenleben der orthodoxen Christen mit ihren westlichen Brüdern und Schwestern in Christus, die vielfaltige Unterstützung durch die Gewährung von Kirchenräumen zur Feier ihrer Gottesdienste, die caritativen Institutionen, die vielen ökumenischen Begegnungen, die Feiern und Gebete, sind Dimensionen des Dialogs des Lebens, welcher Gemeinschaft etabliert und die eigene Identität bereichert. Er kultiviert Offenheit und Respekt für den anderen und stärkt gleichzeitig das Bewusstsein vom Gemeinsamen bei allen Christen. Er macht auch die Notwendigkeit eines dezidierten christlichen Zeugnisses deutlich, in Treue zu den kirchlichen Traditionen und aus der Wahrheit des großen gesamtchristlichen Erbes, angesichts der vielen Herausforderungen der Zeit und den bedrängenden existentiellen Fragen der zeitgenössischen Menschen.

Wir sind überzeugt, dass die orthodoxe Diaspora in diesem Lande künftig eine noch größere ökumenische Rolle spielen wird. Unsere Griechisch-Orthodoxe Metropolie wird ihre ökumenische Zusammenarbeit noch mehr intensivieren, sowohl auf der Ebene der orthodoxen Kirchengemeinden, wie auch als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, in den regionalen Arbeitsgemeinschaften und in den örtlichen ökumenischen Gremien, sowie in den gemeinsamen Kommissionen mit der Römisch-katholischen und der Evangelischen Kirche. Das gleiche empfehlen und erwarten wir auch von den anderen orthodoxen Diözesen und Gemeinden in Deutschland, im Geist der  Beschlüsse des Heiligen und Großen Konzils von Kreta.

Schöpferische  Zusammenarbeit wird auf akademischer Ebene bekanntlich gerne geboten sowohl von den Lehrkräften der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie der Universität München, dem Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie der Universität Münster, sowie von orthodoxen Theologen, die in Deutschland leben.

Auf einen zweiten Grund unserer Dankbarkeit möchten wir hinweisen, lieber Herr Bischof July. Das genannte Heilige und Große Konzil hat in der Orthodoxen Akademie Kretas stattgefunden.

Warum erwähnen wir dies hier? Weil bekanntlich, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, Ihr Vorgänger, der Landesbischof Theophil Wurm, zusammen mit dem Pfarrer Eberhard Müller, inspiriert von der dialogischen Philosophie des Sokrates und Platons und von der Praxis seiner Akademie und des Symposiums, nicht weit von hier die Evangelische Akademie in Bad Boll gegründet haben. Diese neuartige Institution, die bald weltweit Nachahmung fand und bis heute wohl die größte und erfolgsreichste bleibt, unterstützte energisch auch die Entstehung unserer Orthodoxen Akademie Kretas.

Diese, unter unserer Ägide stehende Akademie, vor etwa 50 Jahren ein Novum und Unicum in der Welt der Orthodoxie, hat diese neue Art kirchlicher Martyria und Diakonia und insbesondere das dialogische Denken und Handeln, sowie die interorthodoxe Gemeinschaft und das ökumenische Zueinander, im Geist unseres Patriarchats, dynamisch gefördert.  Auf einstimmige Entscheidung aller Vorsteher der Orthodoxen Autokephalen Kirchen in ihrer Synaxe in Chambésy/Genf (Januar 2016),  hat deshalb auch das genannte Heilige und Große Konzil, wie schon erwähnt, in dieser Akademie stattgefunden.

Wie bei anderen Gelegenheiten sprechen wir auch heute unseren Dank aus an die Landeskirche von Württemberg, wie auch an die Evangelische Kirche in Deutschland für die Unterstützung mehrerer Projekte in der Orthodoxen Kirche im Rahmen der zwischenkirchlichen Solidarität.

Eines von diesen Projekten möchten wir heute nennen. Im April dieses Jahres haben wir in Chambésy-Genf das 50jährige Bestehen des dortigen Zentrums unseres Ökumenischen Patriarchats gefeiert. Dieses Zentrum hat vielfältige Aufgaben erfüllt, wie, unter anderen, die Vorbereitung des Heiligen und Großen Konzils. Dort haben mehrere von unseren bilateralen theologischen Dialogen stattgefunden, wie auch unzählige andere ökumenische Begegnungen und Aktivitäten. In diesem Zentrum hat ferner unser  Orthodoxes Institut für höhere theologische Studien seinen Sitz. Das Institut bietet seit 1997 jungen diplomierten Theologen aus allen Orthodoxen Kirchen die Möglichkeit für höhere theologische Studien und für  ökumenische Erfahrungen. Hier lebt die Theologie von ihrem Bezug zur Tradition und von der Offenheit zur Ökumene und zur Welt von heute.

Bei der genannten Feier haben wir dankbar auch an den verewigten Bischof Hermann Kunst gedacht, der, als Präsident der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe, dieses Zentrum, ebenso wie die Akademie Kretas, unterstützt hat.

Verehrter Herr Ratsvorsitzender,
Sehr geehrter Herr Landesbischof,
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

In diesem Jahr feiern Sie, hier in Deutschland aber auch weltweit, das Jubiläum der 500 Jahre seit der Reformation. Wir gedenken mit Ihnen, im Lande der Reformation, dieses großen Ereignisses der Kirchen- und der Weltgeschichte. Martin Luther ging es um die wahre Identität des Christenmenschen coram Deo und coram hominibus. Was durch die beharrliche Berufung des Reformators auf das Evangelium begonnen hat, wurde nicht nur zum Schicksal für die Kirche, sondern es hat die gesamte Kultur umgestaltet. Die Reformation hat neben der kirchlichen, auch eine welthistorische, politische, soziale und kulturelle Bedeutung.

Auch das orthodoxe Christentum hat entscheidenden Anteil an der geistigen und geistlichen Formung der orthodoxen Völker und auch unserer europäischen Kultur. Freilich wurde die östliche Orthodoxie oft als weltabgewandt kritisiert. Diese Ansicht wurde mit der Zentralität des Kultes und des liturgischen Lebens bei den Orthodoxen begründet. Die Wahrheit ist, dass das ganze Leben der Kirche eine Liturgie ist, als Eucharistie und als „Liturgie nach der Liturgie“, als Gottesdienst und Menschendienst. „Da das ganze Leben der Kirche eucharistisch ist, ist auch die soziale Aktion der Kirche liturgisch, ihre Diakonie ist «liturgische Diakonie»“. Das Heilige und Große Konzil von Kreta hat durch den Text „Die Sendung der Orthodoxen Kirche in der heutigen Welt“ und durch seine Enzyklika dieser Wahrheit deutlichen Ausdruck verliehen.

Liebe Freunde,

Jubiläen bieten, unter anderem, Gelegenheit für Erinnerung, Einkehr, Reflexion und Aktion. Einkehr, als Blick nach innen, erleuchtet vergessene Schätze des Glaubens und zeigt neue Wege für geistliches Streben, Selbstprüfung und für neue Perspektiven und Aktionen. Wir alle wissen, wie wichtig auch heute, oder: besonders heute, das gemeinsame christliche Zeugnis ist. Wir sind aufgefordert, in der heutigen Krise der Freiheit und der Freiheiten, die libertas christiana, die Wahrheit als befreite konkrete Freiheit zu leben und zu bezeugen. 

Wir danken Ihnen nochmals aus vollem Herzen und wünschen gute geistliche Früchte aus dem Jubiläum und reichen Segen Gottes auf die Kirchen und das Volk Ihres großen Landes.