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Ἀρχική σελίς
Ἀρχική σελίς

PATRIARCHAL- UND SYNODAL-ENZYKLIKA
ZUM 1700-JÄHRIGEN JUBILÄUM
DES MAILÄNDER EDIKTS


+ BARTHOLOMAIOS
DURCH GOTTES ERBARMEN ERZBISCHOF VON KONSTANTINOPEL, DEM NEUEN ROM, UND ÖKUMENISCHER PATRIARCH
DEM GANZEN VOLK DER KIRCHE
GNADE UND FRIEDE VON GOTT

Ἐπιστροφή
Ἐπιστροφή

Protokoll-Nr. 441

„Gepriesen sei unser Gott, dem es so wohlgefallen hat”, er hat alles für alle wohl geordnet und uns zu diesem „Tag der Auferstehung” geführt, an dem „alles von Licht erfüllt ist, der Himmel und die Erde”.


In diesem Jahr vollenden sich 1700 Jahre seit dem Mailänder Edikt über die Glaubensfreiheit; deshalb wenden wir uns von diesem heiligen Apostolischen und Patriarchalischen Ökumenischen Thron aus an die Kirche an jedem Ort und zu jeder Zeit mit einer Botschaft der Hoffnung, der Liebe, des Friedens und der Zuversicht, da die Kirche als ständige Offenbarung Gottes existiert. „Wer den Sohn gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (vgl. Joh 4,9) und wer die Institution der Kirche gesehen hat, hat den Gottmenschen gesehen, der immer unsichtbar bei uns ist, und den Heiligen Geist.

Eine derartige Institution in Freiheit ist die Kirche; „so ist das Christentum: in Knechtschaft schenkt es Freiheit“. (vgl. Joh. Chrysostomus, 19. Rede zum 1. Korintherbrief, 193).

Durch das Mailänder Dekret wurden die Verfolgungen der Kirche und der Religion in rechtlicher Form beendet und zum ersten Mal wurde durch Menschen die religiöse Gewissensfreiheit in der Welt sanktioniert. Aber, die Freiheit zu der Christus uns befreit hat (vgl. Gal 5,1) ist keine Formsache oder Buchstabe eines Gesetzes. Sie ist die wahre Freiheit, die wir stets suchen, damit alles „neu” werde. Erwarten wir denn nicht einen neuen Himmel und eine neue Erde?
Bis zur Zeit Konstantins des Großen waren die Weltgeschichte des „alten Israels” vor Christus, aber auch des „neuen Israels” nach der gottmenschlichen Inkarnation und der freie Ausdruck des bewussten Glaubens der Menschen von Verfolgungen bis hin zum Blutmartyrium für die Wahrheit geprägt. 

In der Geschichte treffen wir auch Verfolgungen an, die sich gegen Menschen richteten, die eine andere Auffassung und einen anderen Glauben an Gott hatten als der Herrscher oder die Gesellschaft, der sie angehörten.

Das Alte Testament berichtet vom damals als Weltherrscher betrachteten Nebukadnezar, der ein großes Standbild von sich anfertigen liess und über seinen Befehl an alle seine Untertanen, dieses zu verehren, indem sie sich zu Boden werfen sollten.

„Die drei Jünglinge“ wurden in den Feuerofen geworfen, da sie sich weigerten, das Götzenbild des Nebukadnezar anzubeten. Sie lehnten es also durch ihr Handeln ab, dem weltlichen Herrscher den Rang der Gottgleichheit zuzuerkennen, den dieser sich selbst verliehen hatte. Aus dem gleichen Grund wurden die heilige Solomoni und die sieben makkabäischen Jünglinge mit ihrem Lehrer Eleazar verfolgt und sie erlitten das Martyrium. Die Autorität des Nebukadnezar machte augenfällig der Feuerofen zunichte, der das Mysterium unserer allheiligen Gottesgebärerin im Voraus abbildete: er erfrischte die drei Jünglinge und bewahrte sie unversehrt, gerade so wie das Feuer der Gottheit die Jungfrau bewahrte.

Die gefangenen Jünglinge, die sich weigerten, einen Menschen anzubeten, der sich in unvernünftigem Stolz selbst die Eigenschaft eines Gottes verliehen hatte, begannen im Feuerofen mit lauter Stimme zu singen „All ihr Werke, preiset den Herrn!“ und bildeten so im Voraus jene Freiheit ab, die der Herr gebracht hat, der „einer unter dem Gesetz geworden ist, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen“ (vgl. 1 Kor 9, 20).

Im Athen der Antike wurde der Philosoph Sokrates zum Tode verurteilt mit der Begründung, dass er nicht die Götter akzeptierte, welche die Stadt verehrte. Auch viele andere Verfolgungen von einzelnen Menschen, die abweichende Meinungen vertraten, werden uns von den altgriechischen Schriftstellern überliefert, etwa die Verfolgung des Anaxagoras aus Klazomenai, da er die Auffassung vertrat, die Sonne sei ein glühender Stein oder des Diagoras aus Melos, da er die antiken götzenverehrenden Mysterienspiele angriff und die Bürger dazu aufforderte, diese nicht zu besuchen.

Auf jeden Fall haben die tatsächlichen und ideologischen Verfolgungen im Laufe der Jahrhunderte häufig zum Martyrium des Zeugnisses geführt und führen immer noch zu diesem; sie haben aber nie die religiöse Toleranz unter den Menschen abschaffen können, welche vom Mailänder Edikt offiziell proklamiert wurde.

Die römischen Kaiser hatten eine absolutistische Denkweise und machten sich zu Herrschern auch über die Religion. Sie gingen sogar so weit, dass sie göttlichen Status und entsprechende Verehrung für sich in Anspruch nahmen.

Die Ablehnung dieses Anspruchs seitens der Christen erzürnte die Kaiser, insbesondere weil dadurch ihre Autorität in Frage gestellt wurde. Das Ergebnis dieses anthropozentrischen Denkens waren die unerbittlichen Verfolgungen, die zu tausenden von Märtyrern führten, die „ihre Gewänder wuschen und im Blut des Lammes weiß machten“ (Offb 7,14).

Zusammenfassend lässt sich über die Verfolgungen mit dem zutreffenden Wort des Hl. Johannes Chrysostomus sagen: „Wer aber gegen Gott Krieg führt, kann niemals einen guten Ausgang des Krieges haben. Ihm wird zwar am Anfang seines waghalsigen Unterfangens vielleicht nichts Schlimmes passieren, (...) wenn er aber in seiner Torheit fortfährt (...) gegen Gott Krieg zu führen, niemand kann dieser unbesiegbaren Hand entfliehen”  (Gegen die Gegner des Mönchtums 1, P.G. 47,319).

Die Kaiser Konstantin der Große im Osten und Licinius im Westen konzedierten nach drei Jahrhunderten grausamster Christenverfolgungen, dass die religiöse Intoleranz und diese ständigen Verfolgungen dem Kaiserreich nichts genützt hatten. Sie beschlossen deshalb, den Christen die freie Religionsausübung und Verehrung Gottes zu gestatten. Den Willen Konstantins des Großen, der „die Schlauheit des Kampfes des Teufels” erkannte, gibt der Inhalt dieses stets aktuellen Mailänder Edikts  aus dem Jahr 313 n. Chr. wieder, das die Grundlage der Jahrhunderte später erfolgten weltweiten Anerkennung der religiösen Gewissensfreiheit darstellt.

Das Mailänder Dekret beinhaltet entfaltete Positionen zur religiösen Freiheit, die in 13 Einheiten behandelt werden. Hier werden Prinzipien festgeschrieben, die für jene Zeit des 4. Jahrhunderts fremd klingen, die aber für immer Prinzipien und Wegweisungen bleiben, selbst wenn man behauptet, dass diese  in der vollständig im „Bösen” liegenden Welt der Ungerechtigkeit und des vorherschenden „Dunkels” zur Anwendung kommen und nicht in einer Welt der Gerechtigkeit und des Lichts.

Bekannt und benannt werden: der Respekt vor dem Denken und dem Willen eines jeden, seine religiösen Dinge so zu regeln, wie er möchte, die Ehrfurcht und die Achtung des Göttlichen und das Zugeständnis der Freiheit der Religionswahl an die Christen und an alle Menschen ohne irgendwelche Beeinträchtigung, die sofortige Rückgabe der beschlagnahmten Gebetsstätten und anderer Gegenstände an die Vertretungen der Christen, also die Kirche und die Synode. Dies alles geschah, „auf dass uns Gottes Gunst, wie wir sie bereits unter sehr wichtigen Umständen erfahren haben, bewahre und stets bei uns bleibe.“

Durch dieses Dekret und die weiteren Reformen Konstantins des Großen kam die Idee der Menschenrechte in die Welt. Erstmalig wurden die oben angeführten Werte sanktioniert, der Respekt vor der Religionsfreiheit und die religiöse Gewissensfreiheit als Werte des menschlichen  Lebens und all das, was zur Grundlage für die heute gültige entsprechende Gesetzgebung und deren Bestimmungen in den jeweiligen Erklärungen internationaler Organisationen und staatlicher Stellen wurde.

Konstantin der Große empfing seine Berufung nicht aus Menschenhand und umfing alle, das Volk und die Kirche, Gläubige und Ungläubige, und diente dem Werk des Wohlergehens in Frieden und des Heils der Menschheit. Seit seinen Tagen verwandelt die Kirche Christi die Institutionen, und gebiert die Welt von neuem, wie der Dornbusch, der brannte und nicht verbrannte auf dem Berg Sinai, wie der Schoß, der den Unumfassbaren, umfasste, „damit wir Leben haben“ (vgl. Joh 10,10).

Wenn wir die Weltgeschichte seitdem aufmerksam verfolgen, insbesondere heute 1700 Jahre nach dem Erlass des Dekrets durch Konstantin den Großen, stellen wir zu unserem Leidwesen fest, dass die Bestimmungen, die es zur Religionsfreiheit enthält, leider sehr oft in der Vergangenheit missachtet wurden, nicht nur zu Lasten der Christen, sondern auch von den Christen untereinander und gegenüber den Anhängern anderer Religionen.

Leider gab es, als die Christen zur Mehrheit in der Gesellschaft wurden, Fälle von übertriebenem Eifer unter ihnen. Zu den am meisten zu verurteilenden Verhaltensweisen der religiösen Intoleranz der Christen untereinander zählt das Schisma unter ihnen und die Spaltung der Einen Kirche, weil die folgenden Generationen vergaßen, dass „Christus nicht zerteilt” ist (vgl. 1 Kor 1, 13) und dass wir Menschen „Staub und Asche” sind (Sirach 10,9); wir haben missachtet und wir ignorieren die Sorge um die Zerrissenheit des unzerrissenen Rocks des Herrn, also der Kirche, die an jedem Ort und in jedem Teil die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche ist. Wie ein neuer „Feuerofen der Bosheit” (vgl. Spr 16,30 LXX) haben wir keine Liebe, keinen Frieden, keine Toleranz unter uns und stellen uns und anderen nicht die  entscheidende Frage:  „Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten“ (Gen 18,25-26),  auch für uns?

Im vergangenen Jahrhundert wurde insbesondere die Orthodoxe Kirche erbarmungslos vom atheistischen Regime und den anderen damit ideologisch verwandten Systemen verfolgt, vor allem in den Ländern Osteuropas. Und in manchen Ländern begegnet man auch heute noch den Christen mit großer Feindseligkeit, selbst wenn weltweit inzwischen das Recht auf Religionsfreiheit durch viele internationale Verträge anerkannt wurde.

Die betreffenden Berichte der zuständigen internationalen Organisationen über religiöse Unterdrückung sind voll von konkreten Fällen zu Lasten insbesondere christlicher religiöser Minderheiten oder Einzelpersonen.

Auch heute muss leider immer noch hervorgehoben werden, dass die Religionsfreiheit und die Freiheit der Ausübung des Glaubens eine zivilisatorische Errungenschaft darstellen. Große Teile der Erde werden von Menschen bewohnt, die keinen anderen religiösen Glauben als den eigenen tolerieren. Religiöse Verfolgungen finden auch heute noch statt, auch wenn sie nicht die Form der ersten Christenverfolgungen haben. Es gibt diverse feindselige Diskriminierungen von Anhängern religiöser Glaubens-richtungen, die häufig besonders belastend sind. In vielen Fällen dominiert der religiöse Fanatismus und Fundamentalismus, sodass das Mailänder Dekret auch heute noch aktuell ist und sich an jene richtet, die es trotz der 1700 Jahre, die seit seinem Erlass verstrichen sind, noch nicht in seiner Gesamtheit angewandt haben.

Wenn wir die Geschichte der Menschheit von diesem heiligen Zentrum der Orthodoxie aus betrachten, bekennen wir freimütig, dass die Welt trotz aller rasanten Fortschritte in den menschlichen Wissenschaften und den Entdeckungen in ihrer Gesamtheit leider noch nicht zur höheren Einsicht und Annahme der Religionsfreiheit fortgeschritten ist und dass konzertierte Anstrengungen unternommen werden müssen, dieses Ziel zu erreichen.
Die heutigen Christenverfolgungen offenbaren erneut die Kraft des Glaubens und die Gnade der Heiligkeit.

Väter, Brüder und Kinder im auferstandenen Herrn,

Das heute gefeierte Jubiläum stellt eine entscheidende Wegmarke dar. Diese besagt, dass wenn der Mensch die Verbindung zur Kirche verliert, die durch die trinitarische „Seinsweise” entsteht, er auch seine Freiheit verliert. Denn er verliert sich selbst und dadurch alle anderen
Diese trinitarische Seinsweise in der Kirche offenbart alles in der Kirche, insbesondere die Feier der Eucharistie, welche das Herz unserer Kirche darstellt, sie ist Gnadengeschenk, eine Gabe vom Vater durch den Sohn unter Mitwirkung des Heiligen Geistes. Wenn die trinitarische Seinsweise gerettet wird, wird der Mensch als Vorbild und Gemeinschaft gerettet. Und wenn wir die Seinsweise retten und erfahren, die Gottmenschlichkeit, dann wird die Unvermischbarkeit und die Unteilbarkeit der Einheit der zwei Naturen in Christus bewahrt und erweitert als Segen in der Einheit von Wahrheit und Leben, von Institution und Gnade, von Gesetz und Freiheit.

Es durchdringen sich unwandelbar und unveränderbar die scheinbaren Gegensätze, nach dem Vorbild der Gottesmutter, welche die Gegensätze in sich vereinte, und in dieser gegenseitigen Durchdringung erkennt man die ständige Präsenz des Gottmenschen bis an der Welten Ende, der in anderer Gestalt weiterhin ständig auf den Acker der Geschichte geht. Und Er geht gemeinsam mit dem besorgten, suchenden und verzweifelten Menschen, nicht um «Zauberlösungen» als Rauschmittel für die Empfindungen zu geben, sondern um ihm die Augen zu öffnen, um ihm seine Sinne zu schenken und ihn in den Himmel zu führen und auf die Erde den Heiligen Geist zu bringen, der als dreifaltiger Sauerteig in unseren irdischen Teig kommt.

Keine menschliche Institution, selbst wenn sie sich kirchlich nennt, kann den Menschen umfassen, ertragen und zufriedenstellen, der in sich den Hauch Gottes hat und sich nach dem „Weitergehenden“ sehnt, nach der Selbstüberschreitung, nach Christus. Und der Mensch kann nicht aufgrund eines Versprechens oder einer innerweltlichen Perspektive zur Ruhe kommen, da er nach dem Unbegreifbaren und menschlich Unerreichbaren dürstet. Die gesamte Existenz des Menschen sagt „nein” zu einer weltlich aufgebauten Institution, die vorgibt, ihn zum Mysterium des Lebens und des Heils zu führen.

Für den Menschen, der rein mechanisch funktioniert, ist eine „gute” geistliche Institution jene, die in sich zusammenfällt, die in Auflösung begriffen ist oder gar nicht mehr existiert. Deshalb kam der Herr, der alles kennt und Herz und Nieren prüft und zerstörte die „Bande der Gefangenschaft”.
Und schließlich siegte er mit Seiner Auferstehung.  Und er zerstörte den Betrug. Er warf die Tische der Geldwechsler und die Stände der Händler um, die den Tempel Gottes „zu einer Markthalle“ (Joh 2,17) gemacht hatten. Er befreite die Menschheit vom „Fluch“ des Gesetzes (Gal 3,13). Und durch Seinen Abstieg in das Totenreich „wurden die Riegel zersprengt, die Tore zermalmt. Grüfte taten sich auf, Tote erstanden.“ (vgl. Aposticha der Vesper vom Großen Freitag)
Und wir kamen heraus, die wir „tot waren” aus Mangel an Liebe, an Freiheit, an Menschenrechten, an Glauben, an Hoffnung, an Zuversicht, an Licht, an Gerechtigkeit, an Wahrheit, am Leben selbst, wir kamen heraus zum Licht: „Und kein Toter ist mehr im Grab“ (Katechetische Rede des hl. Johannes Chrysostomus).

Die Kirche entstand, die im Laufe der Jahrhunderte  durch die Märtyrer und die Mönche und Gerechten, trotz aller Verfolgungen und menschlichen Versuchungen kein Gefängnis ist, sondern Freiheit und Liebe, die stärker ist als der Tod. Die Kirche ist als Verkünderin dieser Wahrheit Nachfolgerin des Schoßes jener anderen Mutter, die „weiter als die Himmel ist” und den freien Menschen gebiert. Und durch sie sind wir alle Kinder der Freien (Gal 4,32), Kinder der Freiheit, die erworben wird durch den Gehorsam gegenüber der Wahrheit Gottes, der Liebe.

Und wenn die menschlichen Institutionen die Freiheit des Menschen fürchten und sie deswegen abschaffen, ignorieren oder vernichten, bringt die Institution der Kirche die Freien im Geiste hervor. Und die ganze Institution der Kirche hält der Geist zusammen, der „weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3,8). Und das Unbestimmbare der Freiheit ist der Fels der Glaubens.

Die Weisheit Gottes, die Herrin und Gottesgebärerin, Allselige und Tröstung, der hl. Dimitrios von der Xyloporta, der Kanavis genannt wird, der hl. Georg der Siegtragende von Diplophanarion, die Heiligen unserer Kirche insgesamt sind nicht Hüter des Gesetzes, sondern Gesetzgeber, nach dem Wort des heiligen Symeon des Neuen Theologen.  Die Institution der Kirche ist gnadenmäßig (charismatisch) und die Gnadengaben der Heiligen wirken wegweisend für das kirchliche Pleroma.
Man kann in der Tat aus Erfahrung sagen, dass Gnadenträger nicht von vornherein vorhanden sind,  sie werden es vielmehr, sie entstehen laufend. Das Charisma wurde ihnen nicht als statische Eigenschaft verliehen, sondern als Segen, der ihnen ständig gespendet wird. Es sind jene, die wahrhaft frei sind, da sie die letzte Unvollkommenheit des Menschen und die Güte Gottes begreifen: beides führte zu den Bestimmungen des Edikts, das der Heilige Konstantin erliess.

Die, welche alle Anderen als gut und rein betrachten und sich selbst als „unterhalb der Schöpfung” ansehen, besitzen die Gnadengabe der Zerknirschung des demütigen und armseligen Menschen. Sie empfangen die Gnadengaben der inneren Ruhe und der Erleuchtung. Sie betrachten nicht irgendetwas als eigenen Erfolg oder als verwertbare Möglichkeit ihren eigenen Wert zu steigern, um dadurch die Anderen herabzusetzen, d.h. die Freiheit der Person dieser anderen  zu begrenzen. Die Heiligen sind erstaunt über die unaussprechliche Liebe Gottes und geben diese ganz von selbst ihrem Schenker zurück. Und dies lässt die Heiligen würdig werden, stets neue Gnadengaben zu empfangen, die größer, reiner, spirituell, alles mit Segen erfüllend, wahre Errungenschaften sind. Und sie haben weiterhin keine große Meinung von sich selbst. Sie haben eine große Meinung von Gott.

Und sobald bekannt wird, dass die Welt sie ehrt, wundern sie sich, werden ärgerlich und ziehen sich zurück. Und sie verbergen sich hinter einer gespielten Torheit, nach menschlichen Maßstäben Unwissenheit, welche aber die wahre Freiheit ist. Und sie kommen zur Ruhe, da sie leben und wachen und zum Blutkreislauf der Gnade im Leib der kirchlichen Gemeinschaft beitragen.

Kinder im Herrn,

die Menschenrechte und auch die Freiheit des religiösen Gewissens sind Gnadengaben, „welche ein für allemal den Heiligen gegeben wurden“ (Jud. 3); sie werden allerdings ständig neu erworben im Lauf der Menschheitsgeschichte. Und zwar werden sie durch das Leben der Gemeinschaft in Christus erlangt, dies geschieht im Rahmen des harmonischen Funktionierens der gesamten Welt. Wir sprechen seit 1700 Jahren über die Gewissensfreiheit des Menschen. Die Orthodoxe Kirche hat aber stets – und insbesondere in den letzten Jahren der Weltveränderung des vergangenen tragischen Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit „die Verwirklichung des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Liebe zwischen den Völkern sowie zur Beseitigung der Rassen- und anderer Diskriminierungen“ vorausgesehen, im Blick gehabt und erforscht und wird darüber beim kommenden Großen und Heiligen Konzil entscheiden.

Diese göttlichen Geschenke wurden durch Gottes Gnade in der Heiligen Liturgie erfahren, in der die Entstehung der Welt offenbart wird. Man kann menschlich nicht die Größe der Freiheit des Menschen und seiner Gesinnung ermessen, wenn der Mensch nicht als Bild Gottes respektiert wird. Und wenn man die Mitmenschen nicht liebt als solche, die eins sind in Gott, liebt man  in Wahrheit auch nicht Gott.

Im irdischen Leben denkt man naiverweise, dass ”alles fliesst und nichts bleibt und man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann” (Heraklit), dass also alles geht und vergeht und in Vergessenheit gerät, und die Geschichte der Menschheit von Gräbern und Grabsteinen bedeckt wird.

Der Herr hat uns das Mysterium des Gedächtnisses in Freiheit geschenkt, als er sagte: „Nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird” (Lk 12,2); Er lehrte, dass alles zur Wahrheit der Freiheit in Ihm führt und zu einem Verspüren der lobpreisenden Dankbarkeit „für alles, was wir wissen und für alles, was wir nicht wissen”.

Jenseits äußerlicher Differenzen und Unterschiede, jenseits also innerweltlicher Diskurse und Meinungen, jenseits der „Logik” des Westens und des Ostens, haben wir seit Erschaffung der Welt die Offenbarung der Liebe Gottes vor Augen, die wie ein Aufschrei in Schweigen die Lüge des Betrugs zunichtemacht und uns die Wahrheit des Lebens schenkt, als Segen der Freiheit und der Einheit, als Weg voller Überraschungen, der uns zum Weg, der nie aufhört, führt und zum Paschalamm, das der Gottmensch selbst ist. „Nicht ein Bote oder ein Engel, sondern der Herr selbst hat uns gerettet“ (Jes 63, 9) in Freiheit und zur Freiheit. Er ist bei uns, wenn er auffährt, „ohne sich zu trennen, um vielmehr ungetrennt uns nahe zu bleiben“ (Kontakion zum Fest der Himmelfahrt des Herrn). Er steht uns bei, selbst wenn es so aussieht, als ob Er den Menschen verließe. Und Er schenkt schließlich die Gewissheit, dass Er immer anwesend ist, Er offenbart Seine Herrlichkeit in Liebe und Selbstentäußerung. Deshalb stellen wir Ihn auf den Ikonen als König der Herrlichkeit bei der Auferstehung dar, der Adam und Eva, den Menschen überhaupt, aus der Unterwelt befreit, während er bei der Kreuzigung in Sanftmut und äußerster Erniedrigung abgebildet wird.

„Groß bist du Herr und wunderbar sind Deine Werke und kein Wort reicht hin, Deine Wundertaten zu besingen“, denn „kein Lobgesang, der sich bemüht, sie darzulegen, kommt gleich der Fülle der vielen Erbarmungen Christi.”

Unsere geringe Person und unsere Mitbrüder im Heiligen Geist stehen gemeinsam mit den salbentragenden Frauen, den Myrophoren, vor dem „leeren Grab“ und sehen, dass „der Stein beiseite geschoben” ist; wir erblicken voller Staunen und Erschrecken den auferstandenen Herrn, der den Tod durch den Tod zertreten hat und uns aus den Banden der Sterblichkeit und des allesfressenden Totenreiches befreit hat und uns das Leben geschenkt hat.

Aus Anlass des Gedenkens daran, dass den Christen das Recht der Glaubens- und der Kultfreiheit geschenkt wurde, bringen wir von diesem heiligen Zentrum der Orthodoxie aus, das sich, menschlich gesprochen, in Knechtschaft befindet und dennoch im Dienst der wahren Freiheit des Menschen und der Gemeinschaft der Kirche in Christus steht, unsere beständige tiefe Sorge, unser Mitgefühl und unseren Protest zum Ausdruck, was die weiterhin bestehenden Verfolgungen auf der ganzen Welt betrifft, die sich insbesondere und in letzter Zeit gegen die christliche Bevölkerung der geographischen Region des Nahen Ostens richten und ihren Ausdruck in Tötungen, Entführungen, Vertreibungen und Drohungen finden, bis hin zur jüngst erfolgten Entführung zweier Mitbischöfe, des erlesenen und für seine Spiritualität und sein bedeutendes kirchliches, soziales und erzieherisches Wirken bekannten Metropoliten Paul von Aleppo und Alexandretta und des syrisch-orthodoxen Metropoliten von Aleppo Johannes-Ibrahim.

Wir teilen den Schmerz und nehmen anteil an der Trauer und den Schwierigkeiten, welche die Christen im Nahen Osten und in Ägypten haben, insbesondere im Gebiet des altehrwürdigen Patriarchats von Antiochien und – fern jeder politischen Parteinahme – verurteilen wir uneingeschränkt erneut die Anwendung jeder Form der Gewalt an ihnen; wir appellieren an die Mächtigen der Erde, die grundlegenden Menschenrechte dieser Christen auf Leben, Ehre, Würde und Besitz zu gewährleisten, und anerkennen und loben ihre friedliebende und ruhige Einstellung sowie ihr kontinuierliches Bemühen, sich von jedem Aufruhr und von jeder Kampfhandlung fernzuhalten.

Wir drücken als Kirche von Konstantinopel unsere Sorge darüber aus, dass 1700 Jahre nach dem Mailänder Edikt immer noch Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Religion und ihrer Gewissensüberzeugungen verfolgt werden.

Das Ökumenische Patriarchat wird niemals aufhören, durch die ihm zur Verfügung stehenden geistigen Mittel und die Wahrheit jeden Versuch eines friedlichen Dialogs zwischen den verschiedenen Religionen zu unterstützen: zur friedlichen Lösung jeder Meinungsverschiedenheit und zur Schaffung eines Klimas der Toleranz, der Versöhnung und der Zusammenarbeit zwischen den Menschen jeder Religion und nationaler Herkunft.

Wir verdammen jede Form von Gewalt als im Widerspruch zur Religion stehend und verkünden vom Ökumenischen Patriarchat: „Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß: Gott wurde offenbart im Fleisch, gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, verkündet unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“ (1 Tim 3, 16). Er regiert die Welt und die Dinge der Welt nach Seinem unerforschlichen Ratschluss und nach Seinen Richtsprüchen und wird wiederkommen als gerechter Richter, um das All zu richten.
Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschaft und die Kraft und die Ehre und die Anbetung und das Königtum in die unermesslichen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.

Im Jahr des Heils 2013, am 19. Mai.
In der VI. Indiktion

+ Bartholomaios von Konstantinopel, inständiger Fürbitter zu Gott

+ Athanasios von Chalkedon, ebenfalls fürbittend
+ Apostolos von Derkoi, ebenfalls fürbittend
+ Evangelos von Perge, ebenfalls fürbittend
+ Germanos von Theodoroupolis, ebenfalls fürbittend
+ Irineos von Myriophyton und Peristasis, ebenfalls fürbittend
+ Chrysostomos von Myra, ebenfalls fürbittend
+ Gennadios von Sasima, ebenfalls fürbittend
+ Evangelos von New Jersey, ebenfalls fürbittend
+ Kyrillos von Rhodos, ebenfalls fürbittend
+ Damaskinos von Kydonia und Apokoronas, ebenfalls fürbittend
+ Konstantinos von Singapur, ebenfalls fürbittend
+ Arsenios von Austria, ebenfalls fürbittend