Protokoll-Nr. 293
+ Bartholomaios
durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch dem ganzen Volk der Kirche
Gnade und Friede von Christus, unserem Erlöser,
von uns aber Fürsprache, Segen und Vergebung
Unsere Kirche ruft uns zum Beginn der heiligen großen vierzig Tage, die wir „Fastenzeit“ nennen, zur Umkehr. Gewiß, der Mensch unserer Tage fühlt sich nicht wohl, wenn er zur Umkehr aufgefordert wird, denn er hat sich an seine Lebensweise gewöhnt und möchte diese nicht hinterfragen. Das Anzweifeln seiner Lebensführung verursacht ihm ein Gefühl der Unsicherheit, denn sein Ideengebäude, in dem er seine Sicherheit sucht, gerät ins Wanken.
Eine tiefer gehende Untersuchung dieser Frage führt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Überzeugungen der Menschen nicht auf einer Objektivität beruhen, welche Ergebnis eines Urteils der Vernunft ist, sondern zu dem Zweck entstanden sind, die gefälligen Dinge zu rechtfertigen bzw. Vorwand für die Sünde zu sein. Aber seine Taten zu rechtfertigen oder sich auf Grund falscher Voraussetzungen ins rechte Licht zu setzen, schadet dem, der das tut; denn sobald der unvermeidliche Augenblick kommt, in dem die Wahrheit zu Tage tritt, wird er als ungerechtfertigt erscheinen und vielleicht auch keine Zeit mehr dazu haben, seine Überzeugungen zu revidieren oder für seine sündigen Taten und die irrigen Auffassungen, mit denen er sein Verhalten rechtfertigen wollte, Buße zu tun.
Doch wir Christen sind an den Aufruf zur Umkehr und an die tatkräftige Befolgung dieses Aufrufs so sehr gewöhnt, dass uns die Einladung zur Umkehr, welche die Kirche an uns richtet, nicht mehr bestürzt. Aber auch wir müssen uns dessen bewusst werden, dass die vollkommene Umkehr zwei Ziele hat.
Das erste besteht in der Ablehnung unserer Sünden und der Entscheidung, von unseren sündigen Taten und Gewohnheiten abzulassen und deren Folgen zu korrigieren. Ein Beispiel dafür ist der Zöllner Zachäus, der aufrichtig bereute und bei seiner Begegnung mit Christus seine Umkehr auch durch die Tat bewies, indem er das Vierfache dessen, was er widerrechtlich erworben hatte, erstattete.
Das zweite Ziel der Umkehr ist der Sinneswandel, der darin besteht, dass wir unsere bisherigen Ansichten durch bessere und höhere ersetzen, entsprechend dem Wort des Psalms: „Aufstiege hat er in seinem Herzen gesetzt“ (LXX Psalm 83,6). Dieses zweite Ziel muß auch von denen angestrebt werden, deren Gewissen sie bestimmter Sünden nicht überführt. So bleibt z. B. unsere Auffassung von der Liebe weit hinter der vollkommenen Liebe zurück. Dasselbe gilt bezüglich unserer Auffassung von der Demut. Wenn wir unseren eigenen geistlichen Zustand mit der Vollkommenheit Gottes vergleichen, zu deren Nachahmung wir berufen sind, erkennen wir zweifelsfrei unsere Unvollkommenheit und die Unendlichkeit des Weges, den wir gehen müssen, um der Spur der Nachahmer Christi zu folgen.
Wenn wir uns nach dem Maß unseres inneren Friedens fragen, stellen wir fest, dass wir von dem Frieden Christi, der höher ist als jede Vernunft, weit entfernt sind. Wenn wir erwägen, inwiefern wir unser Leben der Vorsehung Gottes anvertrauen, stellen wir traurig fest, dass wir oft von der Angst über die Ungewißheit der Zukunft ergriffen werden, ganz so als ob wir kleingläubig oder gar ungläubig wären. Und wenn wir ganz allgemein die Reinheit unseres Gewissens überprüfen, sehen wir, dass wir uns oft nicht jener vielen Empfindungen bewusst sind, die unsere Reinheit beeinträchtigen und die wir sogar manchmal für positiv halten. Es bedarf also einer neuen, vollständigeren Erleuchtung unseres Gewissens durch die Lehren des Evangeliums und der Kirchenväter, damit unser Urteil über uns selbst und unseren Mangel zutreffender wird und dem Urteil Gottes näher kommt. Und weil kein Mensch sagen kann, er sei zur vollkommenen Selbsterkenntnis gelangt, darum kann auch kein Mensch sagen, dass er der Erneuerung, der Erleuchtung, des Wandels, der Besserung seines Sinnes, seiner Denkweise, d. h. der Umkehr nicht bedürfe.
Wenn uns die orthodoxe Kirche zur Umkehr ruft, ruft sie uns nicht nur dazu auf, uns selbst anzuklagen. Gewiß bedarf es auch der Selbstanklage und der Zerknirschung, es bedarf auch der Tränen, die aus Reue vergossen werden, aber das allein ist nicht genug. Was von uns verlangt wird, ist die Freude über die Vergebung, die Gott uns schenkt, das Gefühl unserer Befreiung von der Last der Fesseln, mit der uns eine jede unserer Sünden bindet, und die Wahrnehmung der Liebe Gottes zu uns. Unsere Umkehr beraubt uns nicht der Lebensfreude, so dass uns der Ruf der Umkehr mit Widerwillen erfüllen müsste. Die Umkehr ist Reinigung und Erleuchtung unseres Sinnes, Verstärkung unserer Liebe zu Christus und seiner Schöpfung, Freiheit und Freude über das neue Leben, in das wir durch die beständige Umkehr unablässig eintreten.
Wer beständig umkehrt, schreitet beständig fort, freut sich beständig über seine neuen „Aufstiege“, empfindet beständige Genugtuung dadurch, dass er auf die Weise eine tiefere Erkenntnis aller Dinge erlangt. Der, der umkehrt, versteht durch den Wandel seines Sinnes und seiner Auffassungen die ganze Welt besser; er wird weiser, klüger, urteilsfähiger und ersteigt die Höhe der Freundschaft mit Christus. Ja, die Verkündigung der Umkehr wird gerade von den begabteren Menschen freudig aufgenommen, weil sie ermessen können, welchen Wandel zum Besseren die Wiedergeburt durch Umkehr dem Menschen verschafft.
Darum, Brüder und geliebte Kinder im Herrn, lasst uns dem Ruf der Kirche zur Umkehr in beiden beschriebenen Hinsichten folgen, indem wir uns als Sünder durch die Beichte reinigen und im übrigen unsere Ansichten stets zum Besseren wandeln, damit unsere Urteile und Gedanken gottgefällig und rein, wahrhaftig und gerecht sind.
In diesem Sinn wünschen wir euch väterlich jegliche Hilfe des Herrn auf dem Weg Eurer Umkehr und in eurem in Christus wiedergeborenen Leben.
Heilige Große Fastenzeit 2008
Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott
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