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Ansprache seiner Heiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartolomaios I. anlässlich der Verleihung des Kardinal-Kõnig-Preises 2007 im Dom zu St. Sephan in Wien (13. März 2007).

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Die Ökumenische Verantwortung der Kirchen in der Welt von heute

Eminenz, Hochwürdigster Herr Kardinal,
Exzellenz, Hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius,
Sehr geehrter Herr Vizekanzler,
Exzellenz, Hochwürdigster Herr Bischof von Graz-Seckau, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „Communio et Progressio“,
Eminenzen, Exzellenzen, Hochwürdigste Mitbrüder,
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Für die Verleihung  des „Kardinal-König-Preises“ an uns hier in Wien, wo wir uns so oft bei verschiedenen Anlässen befunden haben, möchten wir uns bei der Stiftung „Communio et Progressio“ herzlich bedanken. Wir fühlen uns zutiefst berührt und besonders geehrt von den Worten der Würdigung, die soeben dem Ökumenischen Patriarchat und unserer Wenigkeit geschenkt wurden.

Aus mehreren Gründen haben wir diesen hohen „Kardinal-König-Preis“ angenommen. Wir haben ihn nicht nur gerne angenommen, sondern wir haben uns auch darüber aufrichtig gefreut, nicht zuletzt, weil wir diesen uns verliehenen Preis auch als Ehrung des Ökumenischen Patriarchates und der Großen Kirche von Konstantinopel verstehen.

Der Grund unserer Freude ist zunächst der Name und die unvergessene Persönlichkeit von Kardinal König selbst, den wir so gut gekannt und geschätzt haben. Er war ein Mann der gemeinsamen Kirche Jesu Christi, der den Kern der christlichen Botschaft richtig verstanden und umgesetzt hat: Erstens für die Christen und für die Menschen innerhalb der ihm anvertrauten Erzdiözese von Wien, in der er eine wichtige Brückenfunktion zwischen den Menschen aller Gruppierungen und Geisteseinstellungen erfolgreich ausgeübt hatte. Zweitens für die Christen aus den verschiedenen Kirchen und Konfessionen in ökume-nischer Gesinnung und Verantwortung innerhalb Wiens und Österreichs, aber auch darüber hinaus zwischen Osten und Westen, insbesondere aber mit dem Blick Richtung Osten, wofür wir sehr dankbar sind, und schließlich drittens für alle Menschen aus den verschiedenen Religionen und Kulturen und mit unterschiedlicher Geisteshaltung und Überzeugung.

Noch konkreter möchten wir uns in Erinnerung rufen, daß im November 1961 der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Franz König, im Namen des Papstes Johannes XXIII. dem ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Konstantinopel einen Besuch abstattete. Dieser Besuch war der erste offizielle Besuch "nach vielen Jahrhunderten" eines "Kardinals der Römisch-Katholi-schen Schwesterkirche als Vertreter Seiner Heiligkeit des Papstes von Rom", wie der Ökumenische Patriarch Athenagoras in seiner Begrüßungsansprache feststellte.

Tatsächlich hat sich Kardinal König auch in der späteren Zeit und im Geist des II. Vatikanischen Konzils als ein überzeugter Pionier und Förderer der Ökumene erwiesen, vor allem durch die von ihm im Jahre 1964 in Wien gegründete und geleitete Stiftung „Pro Oriente“. Das ökumenische Engagement von Kardinal Franz König haben wir immer wieder in unseren persönlichen Begegnungen  mit ihm erlebt. Sein Name bürgt für den Anfang und die Fortsetzung der geschwisterlichen Beziehungen zwischen unseren Schwester-kirchen.

Kardinal Franz König hat auch, wie gesagt, einen weiteren Horizont über die Beziehungen der christlichen Kirchen hinaus gehabt, indem er als einer der ersten sich für den Interreligiösen Dialog einsetzte, in einer Zeit, als dies nicht selbstverständlich war. Und genau das ist auch ein Bereich christlichen Zeugnisses, das auch uns sehr am Herzen liegt, denn die Pflege und die Verwirklichung dieses Zeugnisses schafft die notwendigen guten Voraus-setzungen für eine friedliche Koexistenz aller Menschen mit verschiedenen Religionen und Kulturen.

Kardinal König war ein stets willkommener hochangesehener Würden-träger der Schwester Römisch-Katholischen Schwesterkirche im Ökumeni-schen Patriarchat. Unsere beiden unmittelbaren Vorgänger, die Patriarchen Athenagoras und Dimitrios, wie auch wir persönlich haben Kardinal König, diesen großen Österreicher, geliebt, geschätzt und verehrt.
Aus diesem Grund stellen wir mit Genugtuung und Zufriedenheit fest, daß das geistige und spirituelle Erbe von Kardinal König hier lebendig bleibt und weitergetragen wird und daß sein Geist weiterhin viele Menschen inspiriert.  In diesem Sinne sagen wir mit Paulus Ihnen allen, „löscht den Geist nicht aus“ (1 Thes. 5,15).

Über die Person des Kardinals Franz König hinaus erfahren wir immer wieder auch heute von der Römisch-Katholischen Kirche in Österreich, an deren Spitze nun Seine Eminenz, der hochgeschätzte Kardinal Christoph Schönborn steht, von dem Geist der Geschwisterlichkeit, der Gastfreundschaft, des Dialogs und der ökumenischen Verpflichtung, wie dies auch die Orthodo-xen in diesem Land reichlich erleben und unser geliebter Bruder Metropolit Michael von Austria uns immer wohlwollend berichtet. Wir kommen also sehr gerne in dieses Land der Toleranz und der Offenheit, in dieses Land des Dialogs, der Ökumene und der großen auch gesamteuropäischen ökumenischen Ereignisse, an denen alle christlichen Kirchen ausnahmslos sich beteiligen. Wir schätzen die vielfältige und segensreiche ökumenische Arbeit der christlichen Kirchen in Österreich und wir wünschen viel Kraft und Gottes Beistand zur Fortsetzung dieser gesamtchristlichen Praxis, im wahren ökumenischen Geist unserer Zeit und fern von bilateralen und fragwürdigen Allianzen.
Wir freuen uns aber auch sehr, weil wir durch die Begründung Ihrer Entscheidung, den „Kardinal-König-Preis“ heuer unserer Wenigkeit zu verleihen, eine grundsätzliche Übereinstimmung in wesentlichen Bereichen der aktuellen Problematik der Menschen unserer Zeit feststellen können. Und genau diese Übereinstimmung gibt uns die Hoffnung und die Zuversicht, daß wir Christen im Osten und Westen gemeinsam dem Menschen von heute dienen können. Diese begründeten gemeinsamen Hoffnungen bilden auch ein solides ökumenisches Fundament mit optimistischen Perspektiven.

In der Tat, wie können wir Christen sein, wenn wir den Schmerz der kirchlichen Trennung nicht empfinden und nicht alles daran setzen, um diesen Skandal der Spaltung zu überwinden und die von Jesus selbst gewünschte Einheit zu verwirklichen? Und so möchten wir auch hier wiederholen und bekräftigen: Wir haben keine Alternative! Die Ökumenische Bewegung und der intensive ökumenische Dialog stellen keine aufgeschlossene Beschäftigung dar, sondern sie sind absolut notwendige Handlungen unserer Kirchen, damit das Christentum seine Glaubwürdigkeit nicht verliert, seine Missionsaufgabe erfüllt und den Menschen zu ihrem Heil verhelfen kann. Die Vielfalt aus einer gespaltenen Christenheit ist kein Segen, sondern nur ein Widerspruch in sich. Nur in friedlicher Koexistenz und in voller ekklesialer Communio ist das Christentum wirklich existenzfähig und handlungseffizient. Wenn wir diese unabdingbare gemeinsame Aufgabe der Wiederherstellung der christlichen Einheit nicht wahrnehmen, werden wir vor Gott und der Geschichte Rechen-schaft ablegen müssen. Aus diesen Gründen und aus unserer vollen Überzeu-gung handeln wir entsprechend und stellen uns in den Dienst der Verwirkli-chung der vollen kirchlichen Einheit.

Bei dieser Entschlossenheit sind wir dankbar, daß auch der jetzige Papst, unser hochgeschätzter Amtsbruder,  der Bischof der ehrwürdigen Kirche von Rom, Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI., immer wieder dieses wichtige Anliegen der Wiederherstellung der kirchlichen Einheit hervorgehoben hat. Bei dem Besuch unserer Kirche von Konstantinopel, dem Neuen Rom, anläßlich des Patronatsfestes des Ökumenischen Patriarchates, zum Fest des Hl. Andreas, im November vorigen Jahres, haben wir gemeinsam Gott für diese geschwisterliche und äußerst herzlich verlaufene Begegnung gepriesen und gemeinsam unseren festen Willen zum Ausdruck gebracht, dem heiligen Werk der Verwirklichung der kirchlichen Communio mit allen unseren Kräften zu dienen. Wir haben in einer gemeinsamen Erklärung auch unsere Verantwor-tung für die konkreten Probleme der Menschen von heute bekräftigt und unsere Kirchen aufgefordert, alles zu tun, um die möglichen Konsequenzen auch aus der Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen zu ziehen. Wir haben uns über die Wiederaufnahme des offiziellen Dialogs unserer Kirchen gefreut und „so wollen wir auch jetzt das der Kommission aufgetragene Werk entschieden unterstützen und ihre Mitglieder durch unsere Gebete begleiten“ (Gemeinsame Erklärung, 2). In unserer Begegnung und in der Gemeinsamen Erklärung, haben wir nachdrücklich jede Ausgrenzung negiert und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen allen Christen hervorgehoben. In unserer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Wir grüßen in Christus die anderen Christen und versichern sie unseres Gebetes und unserer Bereitschaft zum Dialog und zur Zusammenarbeit.“ (Ebd. 7).

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir sind auch überzeugt, daß die ökumenische Arbeit zugleich Friedensarbeit ist. Auf dem Fundament der christlichen Prinzipien der Liebe und der gegenseitigen Anerkennung aller Menschen als gleichwertige Geschöpfe Gottes können wir in Eintracht und Harmonie leben, ohne Unterdrückungsmechanismen, ohne Fanatismus, ohne Ausbeutungstendenzen, ohne Polemik und ohne Auseinandersetzungen. Und gerade jetzt in der Phase der Neugestaltung Europas müssen wir Christen und Kirchen gemeinsam helfen, damit der Mensch und nicht verschiedene Interessen in den Vordergrund gestellt werden. Wir haben es vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, im Jahre 1994, betont und von dieser Stelle aus möchten wir es heute wiederholen: „Wir werden weiterhin unerbittlich auf der Notwendigkeit des freien und friedlichen Umgangs der Menschen untereinander, des gegenseitigen Respekts und des friedlichen Zusammenlebens der Völker beharren.“ Und: „Das vereinte Europa kann nicht nur die Planung einer einheitlichen wirtschaftlichen Entwicklung und die Entfaltung einer einheit-lichen Verteidigunspolitik bedeuten. Von der Sache her verlangt diese Vision auch eine einheitliche Sozialpolitik in friedlicher und fruchtbarer Zusammen-arbeit der europäischen Völker. Dies ist eine Forderung, die sich aus unserer Kultur ergibt, eine Frage nach dem Sinn der zwischenmenschlichen Beziehungen“.

Wir dürfen als Kirchen und als Christen keine einseitige Entwicklung akzeptieren, durch die heute innerhalb der Europäischen Union circa 72 Millionen Bürger mit einem Armutsrisiko leben und weitere 36 Millionen gefährdet sind, wie es im jüngsten Bericht der EU-Kommission heißt. Auch die negativen Entwicklungen vor allem im Bereich der Jugend können wir nicht ignorieren. Es geht um die Qualität des menschlichen Lebens und um die Würde der menschlichen Person als Abbild und Ebenbild Gottes. Europa ist ein reicher Kontinent. Er hat Platz für alle Menschen und Reichtum für ein zufriedenes und gerechtes Leben für Alle. Wie können wir als Christen und als Kirchen angesichts solcher Gefahren für die Menschen schweigen? Getrennt und gespalten verliert aber das Christentum an Glaubwürdigkeit und Effizienz seines Zeugnisses. Auch deshalb ist die Communio und die intensive Zusammenarbeit mit allen Kräften unerläßlich. Das ist unsere Überzeugung und  die treibende Kraft für unsere Initiativen und Handlungen. Und wenn Sie uns diesen hohen Preis auch aus diesen Gründen verliehen haben, freuen wir uns darüber sehr, weil wir dadurch die Übereinstimmung unserer Gesinnung und Grundhaltung damit feststellen und wir die Überzeugung gewinnen, daß eine effektive Zusammenarbeit nicht nur notwendig, sondern auch tatsächlich möglich ist.

Eine Zusammenarbeit - nicht nur zwischen den christlichen Kirchen, sondern auch zwischen den Religionen - durch einen aufrichtigen und intensi-ven Interreligiösen Dialog und zwischen allen Menschen guten Willens. Die Kirche Jesu Christi hat den Dialog nie gescheut. Die Geschichte unserer Orthodoxen Kirche im Osten ist bis heute, und zwar seit den ersten Jahrhunderten ihrer Existenz und seit  der Zeit der Anfänge der Religion des Islam, ein Zeuge dieses Dialogs mit dem Judentum und dem Islam. In unserer Kirche pflegen wir seit Jahrhunderten den „Dialog des Lebens“ aufgrund unserer multikulturellen und multireligiösen Situation in der wir leben müssen, aber wir führen sehr intensiv auch den vielfältigen akademischen Interreligiösen Dialog. Wir sind auch überzeugt, daß bei diesen notwendigen Dialogen wir als Christen und als Kirchen zusammenarbeiten sollen, damit wir nicht getrennt, sondern gemeinsam mit vereinten Kräften und in ökumenischer Verantwortung diese Dialoge führen können.

Aber wie könnten wir noch einen Punkt unerwähnt lassen, den Sie auch in Ihrer Begründung anführen, nämlich unsere intensive Sorge um den Schutz der Umwelt und um die Bewahrung der Schöpfung Gottes, die heute so sehr leidet? Es wäre mit unserer christlichen Identität nicht vereinbar, wenn wir dazu weiter geschwiegen hätten. Deshalb lautet unsere Aufforderung und Bitte: Lassen wir nicht die Schöpfung Gottes nicht zum Ausbeutungsobjekt werden. Rufen wir gemeinsam alle Verantwortlichen auf, alles zu tun, um diese Schöpfung Gottes zu schonen und sie als einen wichtigen Lebensraum nicht nur für uns heute, sondern auch für unsere nachfolgenden Generationen zu betrachten und zu bewahren. Die Uhr schlägt bereits zwölf und wenn wir nicht sofort die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend handeln, dann erwarten uns immer mehr verheerende Naturkatastrophen, für die allein der egozentrische Mensch verantwortlich ist. In diesem Sinne begrüßen wir die jüngsten drastischen Maßnahmen der EU-Kommission zur Bekämpfung der Luftverschmutzung und zur Verbesserung der Prognosen über eine auf uns zukommende katastrophale Klimaverschlechterung.


Liebe Schwestern und Brüder !

In diesem Glauben und mit diesen Überzeugungen blicken wir auch voller Hoffnung und Zuversicht auf die Dritte Europäische Ökumenische Versamm-lung im September in Sibiu, wo alle Christen Europas ihren Glauben leben und manifestieren werden, daß „das Licht Christi auf alle leuchte. Hoffnung für Erneuerung und Einheit in Europa“. Der Pilgerprozeß bis Sibiu ist ein lebendiges Zeugnis der Existenz und der Dynamik aller Christen und aller Kirchen in Europa, ohne die wir uns kein Europa für die Gegenwart und die Zukunft vorstellen können. Denn nur durch die christlichen Prinzipien und Grund-werte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizi-pation und der Solidarität, die auch in den früheren Ökumenischen Versamm-lungen von Basel und Graz, wie auch in der Charta Oecumenica  sehr deutlich zum Ausdruck gebracht wurden, kann ein lebens- und menschenwürdiges, ein humanes und soziales neues Europa entstehen und zwar für alle Christen, für alle Kirchen, für alle Menschen und für alle Völker.

Abschließend möchten  wir uns noch einmal bedanken, nicht nur für die hohe Auszeichnung und die Zeichen der Verbundenheit, sondern auch für die Gelegenheit dieser segensreichen Begegnung mit den Mitgliedern der Österrei-chischen  Bischofskonferenz und dem Volk Gottes; und wir möchten alle diese unsere Verpflichtungen vor Ihnen und mit Ihnen heute bezeugen, um gemein-sam die entsprechenden Initiativen zu ergreifen, den richtigen Weg zu finden und die notwendigen Handlungen zu setzen.

Möge Gott uns dabei die nötige Inspiration, Erleuchtung und Kraft schenken.